Tagebucheintrag vom 10.Dezember 2009.

Ich knibble die Krusten der letzten Wunden von meinen Beinen und wundere mich, warum es nicht blutet. Viele Gefühle schwirren da gerade in meinem Kopf rum. Erleichterung, weil ich jetzt nicht aufstehen muss um ein Pflaster aus dem Bad zu holen. Mister Enttäuschung und sein Kumpel Verwirrung spazieren ebenfalls durch meinen Kopf, weil es bis jetzt immer geblutet hat. Hass ist auch dabei. Hass auf mich selber, wenn ich die Narben sehe, Hass auf alle anderen, weil sie schuld daran sind. Das schlechte Gewissen will mir etwas sagen, jedoch flüstert es mir so leise in’s Ohr, dass ich es anfangs nicht verstehe. Erst, als ich alles andere um mich herum ausblende, verstehe ich es. Es flüstert ganz leise Namen in mein Ohr. Mama. Tinka. Sarah. Fuchs. Lena. Lisa. Maren. Caro.

Erinnerungen kommen hoch und ich ignoriere die weiteren Namen. Das schlechte gewissen ruft immer lauter und lauter. „Denk an deine Mutter! Denk an deine Tante und deine Schwester! Denk an all die anderen! Schämst du dich denn gar nicht?“ Ich halte mir die Ohren zu. Es soll aufhören, mich so anzuschreien. Ich kann doch nichts dafür. Ich will das alles doch auch nicht. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Lass mich in Ruhe, Gewissen! Misch dich nicht immer in Dinge ein, die dich einen feuchten Dreck angehen. Ich denke doch an sie. Aber was machen sie? Denken sie an mich?  Hat sich meine Mutter auch nur ein Mal Gedanken gemacht, als sie die Narben an meinen Armen gesehen hat? Hat meine Tante nur ein einziges Mal drüber nachgedacht, dass es falsch war „Haha, machst du jetzt ein’ auf Emo?“ zu fragen? Hat meine Schwester ein Mal versucht, mehr mit mir zu reden als „Wie geht’s, was machst du so?“.  Hat sie nicht. Hat sie nicht. Hat sie nicht. Ich weiß nicht wo und ob ich diesen Text hier überhaupt posten werde, aber mir ist klar, dass dieser Text nur von Personen gelesen wird, denen ich vertraue. Und wenn sie hinterher nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, weil sie der gleichen Ansicht sind wie meine Tante und meinen ich wäre nichts anderes als ein „Emo“, dann habe ich halt den Falschen vertraut. Passiert. Ich fahre mir mit dem rechten Zeigefinger über meinen Oberschenkel. Dort, wo es vor kurzem am meisten geblutet hat. Dort, wo die breiteste Wunde darauf wartet, zu einer Narbe zu werden. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis die Narben einigermaßen verblasst sind und ich wieder schwimmen gehen kann. Oder ob ich überhaupt wieder schwimmen gehen kann.

Ich werde nicht zu einem Psychologen gehen, nicht zu einem Psychiater, nicht zu einem Therapeuten. Weil ich nicht krank bin. Weil ich nicht in die Klapse gehöre. Jeder Mensch hat Probleme und jeder löst sie anders bzw. versucht auf andere Art und Weise, sie zu vergessen.

Manche treiben Sport. Die kommen nicht in die Klapse. Manche sitzen tagelang vor dem Computer und spielen World of Warcraft oder Counter Strike. Die kommen auch nicht in die Klapse. Da wird nichts therapiert. Rein gar nichts. Wieso sollte SVV also therapiert werden? Man schadet niemandem ausser sich selbst. Und im Endeffekt kann das den Anderen scheißegal sein. Genau so scheißegal, wie es ihnen immer war. Es war ihnen egal, dass sie einen Teil dazu beigetragen haben, einen geliebten Menschen in’s SVV zu treiben. Also kann es ihnen auch egal sein, was weiterhin aus diesem Menschen wird, wenn überhaupt noch was aus ihm wird.  Ich gebe Entwarnung: Ich werde mich nicht umbringen. Dazu wäre ich zu feige. Mein schlechtes Gewissen würde mit einem Megaphon neben mir stehen, so wie mein Verstand momentan, und mir in’s Ohr brüllen. So laut, dass ihm die Stimmbänder reißen würden, wie Chester Bennington. So laut, wie eine Million zwölfjähriger Mädchen auf einem Justin Bieber Konzert. Zwei Millionen. Ich habe Angst, jemandem diesen Text zu zeigen. Ich habe Angst, dass sie’s nicht verstehen können. Nicht verstehen wollen. Ich habe Angst, mich vor Marco rechtfertigen zu müssen, so wie ich es immer mache. Ich habe Angst, dass Sarah mit meiner Mutter spricht, was sich nicht vermeiden lässt. Ich will nicht in die Klapse. Ich will mit niemandem sprechen. Weder mit Freunden und Verwandten noch mit Fremden. Erst recht nicht mit Fremden. Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Ich möchte das allein regeln. Ich möchte später sagen können, dass ich’s geschafft hab, ohne Hilfe. Ich möchte stolz darauf sein können, unabhängig zu sein. Unabhängig in jeder Hinsicht. Ich knibble die Wunden weiter auf. Will, dass sie bluten, dass es wieder weh tut. Damit ich’s wieder vergessen kann, das alles. Doch es blutet nichts mehr. Der Drang wird stärker, es wieder zu tun. Den Wunden neue Freunde zu schenken. Freunde, die weh tun, die bluten. Freunde, die mich all das vergessen lassen. Das ist wie mit dem Rauchen. Jahrelang hast du nicht geraucht, bist stark geblieben. Doch irgendwann liegt die Schachtel Malboro auf dem Tisch und du nimmst sie dir, weil du weißt, dass sie dir das letzte Mal auch geholfen hat. Und dann, dann bist du hilflos. Der Droge ausgeliefert. Und es bleibt nicht bei einer Zigarette. Du rauchst eine zweite und eine dritte. Und ehe du dich versiehst ist die Schachtel leer und du fängst von vorne an. Weil alles, was du dir erarbeitet hast, plötzlich umsonst war und geplatzt ist wie ein Luftballon. In meinem Fall ein blutroter Luftballon.  Ich versuche, stark zu bleiben. Die Schachtel zu zu lassen. Entgültig. Es wird nicht leicht, das weiß ich. Anstatt mir wieder mein Lieblingsutensil aus der Nachttischschublade zu holen, kralle ich meine Fingernägel in meine Oberschenkel, presse die Augen so fest ich kann zu und versuche, mir eine wichtige Person in den Kopf zu rufen, damit es mir besser geht. Schlechtes Gewissen, wo bist du hin? Ich brauche dich jetzt.

Das schlechte Gewissen klopft an der Tür und kommt in mein Zimmer. Es sieht anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Irgendwie freundlicher. Es hat eine Tafel Schokolade in der rechten und eine Tasse Milch in der linken Hand und lächelt mich an. „Tut mir leid, ich war kurz weg.“, sagt es und setzt sich neben mich auf mein Bett. „Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“, fragt es mich. Ich nicke, will abgelenkt werden. Egal womit. „Mach es dir bequem, nimm dir ein Stück Schokolade und hör gut zu.“, sagt das schlechte Gewissen. „Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte von dem Tag, als du Sarah, Fuchs und die kleine Lena kennen gelernt hast.“ Ich breche mir ein Stück Schokolade ab und trinke einen Schluck der lauwarmen Milch.Dann höre ich dem schlechten Gewissen gespannt zu, lege mich hin und schlafe in seinen Armen ein. Auf das schlechte Gewissen ist immer Verlass, es ist mein Freund. Und so langsam aber sicher gewöhne ich mich daran, dass es mich öfter anschreit. Das schlechte Gewissen meint es nur gut mit mir.

 

17.12.09 21:51

Letzte Einträge: Ich hab's gefunden. Im Internet. Nicht geschrieben. Aber es ist toll.

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen